Bikepacking CT Tag 1: Besuch bei alten Freunden

„Ich will keinen Stress am Flughafen!“ Mit diesen Worten kündigte ich Dani an, mein Bike bereits zuhause in die Kiste für den Flug zu verlanden. Dass mir das der Flughafen Zürich übel nahm und mir fortan allerlei Zusatzrunden auferlegte, konnte ich da noch nicht ahnen.

Es begann mit dem roten Punkt. Da wir bereits zuhause online eingecheckt hatten und auch im Besitz der Gepäckkleber waren, gingen wir direkt zum Annahmeschalter für Übergepäck, ich um mein Bike abzugeben, Dani um sein Bike erstmal in eine Kiste zu verfrachten. Laut dem freundlichen Herr dort fehlte mir aber leider besagter roter Punkt auf dem Gepäckkleber! Um den zu erhalten durfte ich meine Kiste quer durch die Halle zu einer seehr langen Warteschlange schieben. Ich wartete und wartete. Als ich endlich den roten Punkt aufgeklebt gekriegt hatte, war Dani längst im Kaffee Edelweiss am warten. Den roten Punkt hatte er easy beim Supervisor-Schalter direkt neben der Annahmeschalter bekommen. Leider war ich anschliessend bereits durch die Boardkartenkontrolle durch und hatte KäffelerDani verpasst. Ich fragte die Dame an der Kontrolle, ob ich noch einmal zurück dürfe? „Klar, kein Problem“ meinte sie freundlich. Super, danke! Leider wusste der automatische Scanner dies nicht und meldete wacker beim Wiedereintritt und Scan meiner Boardkarte, dass diese leider schonmal gescannt wurde und ich bereits drinnen sei. Nachdem ich die freundliche Frau gefunden hatte, klappte der Einlass. Leider war ab da meine Boardkarte verseucht! Weder konnte ich im Duty Free Shop ein Wasser kaufen, noch klappte die Prüfung am Schalter. Eine neue Boardkarte löste dann mein Problem endgültig. Und so ging es immer weiter. Bei der Passkontrolle wurde ich zur genaueren Prüfung an der Schalter mit echten Menschen beordert. Bei Dani kein Problem. Am Gate musste erneut der Pass kontrolliert werden. Ich wurde genauestens über unseren Aufenthalt gefragt. Wie lang, wo, warum…Dani wurde natürlich wortlos durchgewunken. Ich war froh, den Flughafen endlich startend verlassen zu können, denn nun wendete sich das Blatt. Zuerst ging das Pech zu meinem Sitznachbarn rechts über, dem die Flugbegleiterin beim Stolpern ein Glas Tomatensaft in die ausgezogenen Schuhe und noch halb auf seine Beine kippte. In Denver klebte sich das Pech dann an Danis Fersen. Sein Bike wollte einfach nicht bei der Gepäckausgabe erscheinen. Da meines bei unserer Ankunft aber bereits da war, wurde Dani plötzlich wortkarg und tigerte nervös durch die Halle. Bald gesellten sich zwei Tschechen zu uns, welche ebenfalls den CT machen wollen und die auch auf ihre Bikes warteten. Die Zeit verging und wir fachsimpelten über die Reisepläne und die verlorene Hockey WM. Immer wenn das Gepäckband startete, wurde es still. Dann kamen die Bikes der Tschechen, was Dani den Rest gab. Er hatte sein Bike ja als erster abgegeben. Wir wollten nach fast einer Stunde warten mit hängenden Ohren schon die Gepäckhalle verlassen, da kam es dann doch noch!

Was für eine Erleichterung! Dani bekam wieder Farbe im Gesicht!

Plötzlich stand er einfach da. Als würden wir uns jeden Abend im Airport Denver, Terminal West, Gepäckausgabe Oversize treffen.

John, unser Engel für den ersten Tag. Mat hatte ihn auf einer Liste für Coloradotrail-Volunteers ausfindig gemacht. Er uns mit seinem Pickup abgeholt, in den Burgerschuppen und den Supermarkt geführt, sein Gästezimmer zum Übernachten anvertraut und uns dann sogar an den Start des Coloradotrails chauffiert. Einfach, weil er den Trail auch mal absolviert und froh um Hilfe gewesen war.

Da im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten ÖV leider ein Fremdwort ist, erleichterten er uns den Start ungemein. Wie das alte Freunde halt so tun.

Die zwei Tschechen von der Gepäckausgabe jedenfalls beneideten uns ziemlich und werden den Coloradotrail-Startpunkt so schnell nicht zu Gesicht bekommen.

Auch Tom Jetlag, unser alter Freund vom Arizona-Trail, meldete sich pünktlich um 03.00 Uhr. Wär auch gut ohne ihn gegangen.

Da es draußen aber donnerte und vom Dach tropfte, fühlten wir uns trotz Schlafmangel wie zu Hause…

Auch unsere schwer beladenen Carbonesel schienen sich auf den flüssigen ersten Meilen wie zu Hause bei alten Freunden zu fühlen. Zwar noch ein bisschen nass und schmierig, erinnerte uns der Rollercoaster-Trail mit ständigem ufänabälinksundrechts an den ersten Tag in Arizona.

Im Gegensatz zu vor 10 Jahren trafen wir diesmal aber auch ab&zu auf andere verrückte Gesellen, welche uns kurz Gesellschaft leisteten. Einige von ihnen hätten wir allerdings eher in Las Vegas denn auf dem Coloradotrail vermutet…

Um die Mittagszeit erreichten wir schließlich den South Platte River. Obwohl wir eigentlich am tiefsten Punkt des Coloradotrails sind, bewegen wir uns bereits deutlich über 2000müm – es empfiehlt sich also, den Gashahn mit Bedacht aufzudrehen, etwas kleinere Gänge zu treten und sich an die Höhe zu gewöhnen.

Ganz besonders auf dem folgenden, 8km langen Aufstieg mit gefühlt 100 Spitzkehren. Das alles nun in wüstenähnlichem Waldbrandgebiet, Wasser und Schatten natürlich Fehlanzeige. Auch das kannten wir nur zu gut von unserem Arizona-Trail. Dank gnädigem Wetter schafften wir es aber trotzdem einigermassen unversehrt zu einer Firestation irgendwo im Nirgendwo.

Hier gab’s Wasser – und einen vielversprechenden Wegweiser zur “Long Scraggy Mountain Range”, welche “only 1 mile” entfernt und “daily open” sei. Also nix wie hin, für ein kühles Bier nahmen wir zwei Extrameilen in Kauf.

Nun ja, es war weiter als 2 Meilen, gab weder Bier noch ein Restaurant- aber mexikanische Frauen, welche uns mit ihren übrig gebliebenen Tortillas, Cola, Wasser und Kaffee verwöhnten! Und anschließend jegliche Bezahlung strikte ablehnten. Alte Freundinnen halt!

Mit gefüllten Mägen ging’s noch 2-3 Meilen weiter, bis wir hier “in the middle of Nowhere” unsere 700-Gramm-Luxussuite aufgestellt, in die Superleicht-Schlafsäcke gekrochen sind und hoffentlich diese Nacht nicht mehr Besuch von Mr. Jetlag kriegen.

Es gibt sie ja auch, diese alten Freunde, die man nur alle paar Jahre mal sieht. Und nicht unglücklich ist darüber.

Ein Gedanke zu „Bikepacking CT Tag 1: Besuch bei alten Freunden“

  1. Vielen Dank, dass ihr uns mitnehmt mit den tollen Berichten und Foto. So macht das Frühaufstehen plötzlich Spass.

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