Bikepacking Westalpen Tag 8: Ha gseit söusch di guet häbe!

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Gestern hatten wir noch über die Sentieri vaffanculo philosophiert. Heute kriegten wir die versprochene Ladung Abenteuer.

Roberto, der Gastgeber des Rifugios in Fenils am Fusse des Mont Chaberton, hatte uns ein brauchbares Frühstück sowie wertvolle Tipps mit auf den Weg gegeben. Und aus den Tiefen des www. hatten wir erfahren, dass es 2-3 kritische Stellen geben soll, deren Passage nicht zu 100% gesichert sei.

Am wichtigsten aber war, dass wir unser Gepäck da lassen und am Ende unserer Chaberton-Expedition wieder mitnehmen konnten.

Es war nämlich auch gepäcklos die erwartet Plackerei, gewürzt mit einigen unerwarteten Herausforderungen. 

Los ging’s gleich ab der Haustür mit einer saftigen Steigung. Und schon bald wurde die Strasse zu einer mulattiera maledetta. Holprig, steil, übersät mit kindskopfgrossen Schotterbrocken.

Als Alternative recht gechillt!

Aber wir hatten heute ja kein Gespäck dabei. Also alles noch fahrbar und im grünen Bereich. Ausserdem auch heute bei Kaiserwetter und in lichtem Kieferwald. Und wir vergassen auch nicht, beim letzten Bach unsere Bidons leer zu trinken und frisch zu füllen.

Das musste für die nächsten vier Stunden reichen!

Auf etwa 2000 müm erreichten wir die erste Schlüsselstelle. Der Rio Fenils hatte bei mehreren Unwettern die komplette Strasse inkl. Stützmauer in die Tiefe gerissen. Zum Glück hatten wir gestern unsere Bikekletterskills optimiert und kamen deshalb recht locker über die rund 100m breite Runse.

Je höher wir kletterten, desto schlechter wurde der Untergrund und desto steiler die Strasse. Ab und zu mussten wir trotz vollem Körpereinsatz unsere Bikes auch schieben. Ein veritabler Sentiero vaffanculo.

Eine weitere Schlüsselstelle weiter oben war zum Glück mit einem Seil gesichert und deshalb mit „ganz guet häbe!“ problemlos zu meistern. 

Kurz vor der Passhöhe auf 2690müm – die französische Grenze in Sichtweite – wurde auch der Weg wieder besser und komplett fahrbar.

Und wir waren plötzlich auch nicht mehr alleine unterwegs. „Allez, bonne courage!“, tönte es von jedem zweiten Wanderer, den wir überholten. Sie waren von der anderen Seite hochgestiegen.

Oben auf dem Pass sahen wir, warum wir beide schon lange unbedingt mal hier hochfahren wollten! 

Zum einen war da der Trail, der in recht angenehmer Steigung und mit festem Untergrund noch 450 Höhenmeter bis zum Gipfel feil bot.

Hier bis ganz nach oben!

Zum anderen die mit Händen greifbaren Zeitzeugen.

Der Mont Chaberton (3.131 m) in den Cottischen Alpen ist als das einstige „Wolkenfort“ bekannt – die ehemals höchste Festung Europas, gebaut 1898–1910. Italien sprengte den Gipfel flach und errichtete acht wuchtige Artillerietürme gegen Frankreich. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte französische Artillerie das Fort innerhalb weniger Tage vollständig. Nach dem Krieg fiel der Berg durch Friedensverträge dauerhaft an Frankreich. Die Ruinen sind heute ein spektakuläres, historisches Ziel für Wanderer und Spinner mit Bikes, wie wir. Die alte, teilweise verfallene Militärstrasse ist für Fahrzeuge gesperrt.

Ein Schluck aus der Pulle, und weiter ging die Schinderei. Nun aber auf einem sentier du rêve, angefeuert von Dutzenden Wanderfreunden.

Nach 3 1/4 Stunden standen wir oben! Wie geil!

Ein umwerfendes Panorama bis zum Montblanc, windstill, umgeben von den Geschütztürmen.

In aller Ruhe schossen wir Fotos, liessen die vergangenen 8 Etappen Revue passieren und assen unser Biberli, das mehr als eine Woche mit einem Skibändeli an unser Bike gefesselt war.

Runter ging’s dann natürlich schnell, flüssig und ärgerlos. Nach dem Pass auf französischer Seite im steilen, erodierten und äusserst rutschigen Gelände allerdings öfter zu Fuss, als uns lieb war.

Sobald die ersten Skilifte von Montgenèvre in Sicht kamen, wurde der Trail wieder fahrbar und spassig.

Rasant ging‘s dem Flüsschen entlang talwärts, bis plötzlich… der Weg fehlte! Weggespült. Und das an einer Flanke hoch über dem Fluss.

Wieder hiess es:

„Ha gseit söusch di guet häbä!“

Das war einfacher gesagt als getan. Die Schwerkraft des Bikes zog einem auf dem rutschigen, abhältigen und super schmalen Band regelrecht die Füsse unter dem Körper weg. Mit Bike unmöglich zu meistern. Und Griffe für „ds guet häbä“ waren ebenfalls Mangelware.

Zentimeter um Zentimeter arbeiteten wir uns vorwärts. Zuerst Mensch, dann Maschine. Und setzten schliesslich mit weiteren 100 Abenteuercumuluspunkten im Gepäck die Fahrt fort. Um uns nach rund 7 Stunden ein wohlverdientes Panaché im Grenzskiort Claviere zu genehmigen.

Jetzt noch schnell nach Cesana, dann zu unserem Gepäck runter und ans Endziel Oulx im Susatal rollen.

Dachten wir. Aber wir waren ja im Land von Pizza und Gelato, nicht im Bikeparadies.

Will heissen: Um unseren geplanten Trail fahren zu können, hätten wir entweder unsere Bikes in eine Schlucht runter tragen oder an einer Tyrolienne darüber schweben müssen. Also mühsam wieder retour auf Feld 1.

Inzwischen hatten wir auf der Karte einen wunderbaren Trail der Schwierigkeitsstufe S1 entdeckt. Den nahmen wir dankend. Um festzustellen, dass auf Italienischen Trails wohl die deutsche Notenskala gilt! Wieder nur loses Geröll, steil, unfahrbar. Unten in der Schlucht wechselten wir die Bachseite und bogen dankbar in unseren eigentlich geplanten Trail ein.

Puh… war das eine Übung.

Die noch nicht gemeistert war. Denn nach der nächsten Ecke – ihr ahnt es:

„Muesch di guet häbe!“

Wieder alles weggespült, wieder bikeklettern des Schwierigkeitsgrades 4a. War sogar angeschrieben. Nun waren wir wirklich geübt! 3-4 weitere weggespülte Wegstrecken und ein Sentiero-chiuso-Schild später waren wir endlich wieder in unserer Gelateria von gestern. 

Che cazzo…!!!

Viel mehr Trailabenteuer geht wohl nicht mehr.

Grazie mille, Bella Italia. 

Der Rest ist schnell erzählt: Den bekannten Trail zum Rifugio, Gepäck anschnallen, runter nach Oulx rollen, im Camping einchecken und Birra, Pizza e dolce far niente geniessen.

Ciao tutti, all’anno prossimo.

Und immer guet häbä!