Eigentlich war heute nochmals eine Überführungsetappe geplant, bevor es morgen ins Hochgebirge geht. Doch es kam anders.


Obwohl die Nacht sogar im Wohnwagen empfindlich kalt war, gefiel es uns ausserordentlich gut im Wunderland. So kam es, dass wir uns Zeit liessen, gemütlich frühstückten, Fotos mit den Betreibern der Cathedral Cabin schossen, und dann um 9 Uhr los pedalten.



Obwohl es ständig aufwärts ging, kamen wir zügig voran. Die letzten Meter zum Slumgullion Pass sogar auf einer Asphaltstrasse.



Beim nächsten Pass filterten wir nochmals Wasser und füllten unsere Bidons, bevor es auf einem holprigen, von Jeeps und Quads malträtierten Weg weiter aufwärts führte. Nun trafen wir auch wieder auf Wanderer und entdeckten auch Bikespuren im sandigen Boden.



Als wir auf Tödi-Höhe angekommen waren, hatten wir ein Déjà-Vu: Der Trail war übersät mit kopfgrossen Steinen, vorankommen nur mit vollem Einsatz und Bikeskills am Limit möglich. Nicht schon wieder…


Da trafen wir dann auch auf einen einsamen Thru-Hiker. Er war vor einem Monat in Denver gestartet und hatte am Ziel in Durango beschlossen, wieder zurückzuwandern! Wären wir nicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wir hätten ihm das niemals abgenommen.

Weiter ging’s zum Glück auf einem glatteren Weg Richtung Tagesziel: eine Jurte auf 3700müM, die Reiseführer Mat in den unendlichen Weiten des www ausfindig gemacht hatte.



Kurz vorher allerdings radelten wir noch an einer Antenne vorbei – und unsere Smartphones begannen wie wild zu piepsen und surren. 5G Empfang im Hochgebirge, 2 Tagesetappen vom nächsten Dorf entfernt.
Klar, dass ich mir da sofort das Finale der 11. Etappe der Tour de France ansehen musste…
Schon bald ging’s auf einem seidenfeinen Trail weiter. Zu unserer Verwunderung mitten im Wald. Wir wiederholen uns gerne: Wald und Blumenwiesen auf einer Meereshöhe, auf der zu Hause Ewiges Eis die Szenerie beherrscht!

Die letzten Meter zur Jurt waren dann noch ein Selbstläufer. Gedanklich schon im Chillmodus….aber Jurte???
Ein geschlossenes Toitoi, einige Balken und eine Tafel erinnerten daran, dass hier bis im letzten Sommer tatsächlich eine Jurte gestanden haben muss.



Sch… damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.
Wir checkten unseren Trail vom nächsten Tag, füllten nochmals unsere Bidons und bikten weiter.



Obwohl für heute Gewitter gemeldet waren und wir auf keinen Fall auf 4000müM in so eines geraten wollten, sah es eigentlich ganz gut aus. Es war erst kurz vor drei, wir noch bei Kräften und keine bedrohlichen Wolken in der Nähe.


Wir beschlossen, den Gipfelsturm zu wagen. Obwohl wir üble Geschichten von diesem Abschnitt gehört hatten, war er für uns um Welten angenehmer als die verfluchte Sargent Mesa vor zwei Tagen. Natürlich haben wir uns mittlerweile recht gut an die Höhe gewöhnt, natürlich sind wir ziemlich fit, und natürlich sind wir alpine Trails gewohnt.








Aber 4000 müM ist dann schon nochmals eine andere Hausnummer!
Als wir dann nach zwei Stunden an der magischen 4000er-Marke kratzten und noch immer im Sattel sassen, verfielen wir in einen wahren Dopaminrausch. Eine gewaltige Hochebene, blühende Wiesen, und mittendrin unser wie von Künstlerhand gemalter Trail! Unfassbar, sowas hatten wir noch nie gesehen und werden wir wohl auch nie mehr erleben!



Von Adrenalin und Glückshormonen getrieben flogen wir mit unseren vollgefederten Carbonpferden über die sanften Hügel. Um schliesslich um halb fünf am mit 4046 müM höchsten Punkt des Coloradotrails anzukommen. Wir jauchzten und umarmten uns! Etwas vom eindrücklichsten, was wir je auf zwei Rädern erleben durften! Und wir biken beide doch immerhin seit 35 Jahren…



Die schwarzen Wolken hinter uns mahnten uns dann aber, die Abfahrt in Angriff zu nehmen.




Um dann, nach einer halben Stunde trailsurfen vom feinsten, den bisher schönsten Zeltplatz unseres Trips zu entdecken. Topfebenes Wiesenplätzchen, trockenes Feuerholz, umgeben von gewaltigen Bergen, unter uns ein rauschendes Flüsschen.

Natürlich durfte der obligate Regenschauer kurz nach dem Aufstellen des Zeltes nicht fehlen. Nach einer halben Stunde war der Spuk aber bereits wieder vorbei.

Bald senkte sich die Sonne hinter einen Bergrücken und das Tenue musste um einige Kleiderschichten erweitert werden.
WHAT A DAY!!!